Montag, 30.5.05 - 2 Annäherung

Nach dem Frühstück das Versammeln vor den Kleinbussen. In der Nähe grollt der Donner. Doch kein Gewitter zieht auf, sondern Panzer schießen: Direkt neben dem Reiterhof beginnt das militärische Sperrgebiet - bis zur Wiedervereinigung der größte Truppenübungsplatz der Bundesrepublik, heute der größte Übungsplatz der NATO in Westeuropa. Seine Geschichte reicht zurück bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Als er angelegt wurde, brachte man die Arbeiter unter anderem in einer Barackensiedlung in Bergen-Belsen unter, die später als Kriegsgefangenenlager genutzt und schließlich dem Konzentrationslager angegliedert wurde. Aufbruch zum Empfang im Stadthaus des drei Kilometer entfernten Bergen. Die Mallorquiner werden auf die Busse verteilt. Eine enge Angelegenheit, doch es geht. Beim Empfang sitzen alle um kreisförmig angeordnete Tische: Die Schüler und Studenten, die Lehrer, der Bürgermeister, die Hauptamtsleiterin und der Wirtschaftsdezernent von Bergen, der Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung Hannover, der pädagogische Leiter des Projekts und der Künstler. Angesprochen wird auch die Ablehnung des europäischen Verfassungsvertrags. Noch seien in Europa längst nicht alle Probleme gelöst, und die künftigen Erweiterungen werden noch größere Probleme bringen, sagt Artur Behr, der pädagogische Leiter. "Aber all diese Probleme sind lösbar. Und die Kosten für ein geeintes Europa stehen in keinem Verhältnis zu den Kosten der Kriege und Zerstörungen im 20. Jahrhundert, vom menschlichen Leid gar nicht zu reden." Die Runde im Stadthaus ist nicht vollständig. Eine Gruppe von Schülern aus den Niederlan-den musste wegen Prüfungsterminen absagen. Und aus Hermannsburg ließen sich nur zwei Schülerinnen zur Teilnahme bewegen.

Hundrich passt das Konzept den neuen Tatsachen an: Einige der Baumstämme werden unbearbeitet bleiben, aber in die Gesamtskulpturen eingefügt werden. Auf diese Weise, erklärt er, seien auch die Abwesenden präsent. Ortsbegehung: An drei Plätzen der Stadt haben die Arbeiter vom Bauhof Betonsockel mit Eisenträgern eingerichtet. Zwischen Rathaus und Standesamt sollen am Ende des Projektes drei Stelen aus je drei Holzstämmen aufgestellt werden: drei Totempfähle. Neben dem Kriegerdenkmal vor der evangelischen Kirche soll eine Pyramide, im Bürgerpark eine Brücke errichtet werden. Als nächstes werden die nationalen Nester aufgelöst. Totem, Pyramide, Brücke: Die Teilnehmer bilden gemischte Gruppen. Dann werden die etwa 150 Kilo schweren Stämme in die Arbeitszelte der Gruppen gebracht. Pro Teilnehmer ein Stamm. Beim gemeinsamen Anpacken mischen sich erstmals die Nationen. "Mischen ist gut, es wird höchste Zeit, dass dies passiert", sagt Oscar. Fragt man die Anwesenden, welchen Mallorquiner sie dem Aussehen nach für den typischsten Spanier halten, deuten alle auf Oscar. Was sie nicht wissen: Sein Vater ist Deutscher, seine Mutter Britin, er selbst ist auf Mallorca geboren und aufgewachsen. Bei der Gruppe aus Mallorca zeigt sich, wie weit Spanien im Vergleich zu Polen oder Tschechien den Weg nach Europa schon zurückgelegt hat. Laura etwa ist in Barcelona geboren, ihre Mutter ist Katalanin, ihr Vater Belgier. Massimo, Sohn einer Argentinierin und eines Italieners, hat eine katalanische Großmutter und einen mallorquinischen Großvater.

Die Stämme sind schnell entrindet. Nacktes, helles, verwundbares Holz kommt zum Vorschein. Jetzt wird die Farbe gemischt: Leinöl mit schwarzen Pigmenten. Reispapier wird geschnitten. Es hat den Vorteil, dass es weicher als normales Papier ist und sich besser an die angestrichenen Stämme schmiegt. Mit Bürsten drücken die Teilnehmer das Papier an das Holz, sodass die Farbe auf dem Papier Spuren hinterlässt. Noch gibt es zweifelnde Stimmen, besonders unter den Lehrern: Was soll das wohl werden? Die frisch bedruckten Papierbögen werden im Festsaal des Stadthauses zum Trocknen aufgehängt. Weil von einigen Bögen etwas Farbe tropft, legt ein Teilnehmer Rindenstreifen darunter. Hundrich greift dies sofort auf und lässt unter alle Drucke Rinde legen, die er dann frei anordnet. Das erste Ergebnis steht. Zufrieden sitzen die Teilnehmer im Saal und betrachten das Ensemble. Einer spricht aus, was alle denken: "Genial!" "Das ist das Geheimnis", erwidert Hundrich, "Beiträge ..."