Dienstag, 31.5.05 - 3 Das Eis schmilzt

Der zweite Tag beginnt wie der erste: mit Frühstück und Panzerfeuer. Heute rattern auch die Maschinengewehre. Wenige hundert Meter weiter sammeln wir uns zur Abfahrt ins "Friedenscamp". Esteve hat sich einen besonders dicken Stamm herausgesucht. Dummerweise. Denn er will durch den Baumstumpf ein Loch schlagen. Eine Geschichte hat ihn auf die Idee gebracht. Die Erzählung handelt von Juden, die in ein Konzentrationslager abtransportiert werden, zusamengepfercht in einem Zugwaggon. In einer Wand befindet sich ein Riss. Der Erzähler will niemanden als sich selbst durch den Spalt schauen lassen und nur die positiven Dinge, die er sieht, schildern. Die Wiesen, die Bäume, die Menschen auf dem Feld. Aber nicht die Soldaten, die Gewehre, die Toten. "Er will Hoffnung geben, und das ist die Kernaussage: Das Licht am anderen Ende des Tunnels, das Licht der Hoffnung", erklärt Esteve. Mit dem Beil scheint sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Nach fünf Minuten tun ihm die Finger weh. Eine Axt muss her. Zwar will der Umgang mit der Axt gelernt sein, doch es gibt einige geübte Hände. Immer wieder kommt jemand vorbei. Zum Beispiel Karol. Aufmerksam geworden durch die Axthiebe schaut er ins Zelt herein. 18 Jahre ist er, kommt aus Srem, wo er an der technischen Oberschule lernt. Medizin will er studieren. Als er das Werkzeug angeboten bekommt, packt er an. Nach wenigen Minuten ist das Loch wieder etwas tiefer. Auch die Erwachsenen lassen sich mitreißen und legen Hand an. Noch am selben Tag schafft Artur Behr mit ein paar kräftigen Hieben bei der Gemeinschaftsarbeit den Durchbruch. Eine Lehrerin fragt Hundrich, welche Skulptur er am besten finde. Den Künstler interessiert das nicht. Die Frage nach der besten Skulptur erübrigt sich, wenn die einzelnen Stämme zur Gesamtskulptur zusammengebaut werden. Die ersten Imitationen entstehen. "Estoy bien" - "es geht mir gut", schlägt Laura in ihren Baumstumpf. Wenig später legt der Kunstlehrer aus Hermannsburg die geschälten Rinden zu Worten zusammen: I You, Yo Tu - Ich und Du auf Englisch und Spanisch. Ein Jugendlicher aus Srem legt das Wort Poland. Am anderen Ende des Geländes steht am Abend der Name des Fußballclubs Lech Posnan in den Stamm gehauen. Ein weiterer Teilnehmer hat in seinem Holzblock eine mathematische Formel hinterlassen. "Die anderen sind dazu da, dass man sich bei ihnen die Anregung holen kann", sagt Hundrich. Er ist Motor, Motivator, Modifikator. Er treibt an, erklärt, packt mit an, stößt Widrigkeiten beiseite, wenn sie sich der Realisierung des Zieles in den Weg stellen. Auf dem Reiterhof hat sich ein Treffpunkt herausgebildet. Dort sitzen bis tief in die Nacht die Teilnehmer zusammen. Das Eis schmilzt.