Intermezzo 1 - Gespräch über Europa

Innerhalb der Europäischen Union könnt ihr reisen und leben, wo ihr wollt. Werdet ihr das nutzen?

Aneta (Roznov pod Radhostem): Ich plane für das nächste Jahr einen Studienaufenthalt in Hamburg. Ich interessiere mich dafür, wie andere Menschen leben, was sie denken, was ihre Hoffnungen und Erwartungen sind.

Marlena (Srem): Ich möchte gerne Hamburg oder Mallorca besuchen. Mir gefällt es, andere Städte und Landschaften zu sehen, und ich möchte interessante Leute kennen lernen.

Karol (Srem): Ich habe eine Schwester in Italien und möchte auch dort leben. Am liebsten würde ich ganz Europa besuchen.

Laura (Mallorca): Ich würde gerne eine Zeit lang in Deutschland arbeiten oder studieren. Denn Deutsch ist eine Sprache, die man auf Mallorca können sollte. Vor allem aber kenne ich die deutsche Kultur kaum, bin aber zuletzt auf Mallorca immer wieder mit ihr in Berührung gekommen. Und mir gefällt die unterschiedliche Art, die Dinge zu sehen.

Tomas (Roznov pod Radhostem): Vielleicht finde ich für ein Jahr einen Job in Irland. Das ist der beste Weg, die Sprache zu lernen. Man ist ständig mit den Einheimischen zusammen, lernt ihre Kultur von allen Seiten kennen und kann neue Freundschaften schließen.

Wie wäre es für euch, wenn in Polen oder Tschechien auf einmal viele Deutsche oder Spanier ein Haus kaufen oder als Gastarbeiter kommen würden?

Karol (Srem): Mir würde das nichts ausmachen. Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Nachbar Spanier oder Deutscher wäre oder aus einem anderen Land käme.

Auch wenn viele Läden in einer ausländischen Sprache beschriftet wären?

Karol (Srem): Das würde mich nicht stören.

Friederike (Hermannsburg): Mich würde es stören, wenn sich durch viele Menschen aus anderen Ländern die Kultur so verändert, dass es gar nicht mehr interessant ist, in ein anderes Land zu reisen, dass man nur noch ein einheitliches Europa hat, aber nicht mehr die Kultur der einzelnen Ländern.

Oscar (Mallorca): Ich finde es sehr gut, dass sich die Welt mischt.

Laura (Mallorca): Die Grundlage dafür ist Toleranz. Zuhören und sehen können. Seine Sinne mit dem Kopf und dem Herzen benutzen.

Aneta (Roznov pod Radhostem): Es ist sehr wichtig, dass die Leute zusammen leben und andere Kulturen kennen lernen. In der Tschechischen Republik leben nicht viele Ausländer, und zum Beispiel haben die kleinen Kinder manchmal rassistische Vorurteile gegenüber dunkelhäutigen Menschen.

Oscar (Mallorca): Meinst du, wir jungen Leute können das ändern?

Aneta(Roznov pod Radhostem): Ja, das ist ein Problem der Eltern-Generation. Sie konnte in der sozialistischen Zeit nicht reisen und andere Gegenden kennen lernen. Mich würde es nicht stören, mit Menschen aus der ganzen Welt zusammen zu leben, so lange sie mich nicht beschränken.

Malgorzata (Szubin): In Zukunft werden sich die Kulturen sowieso mischen. Das lässt sich gar nicht vermeiden.

Friederike (Hermannsburg): Jedes Land ist stolz auf seine eigene Kultur und wird sie deswegen nicht ganz aufgegeben. Und wenn, dann wird es eine lange Zeit dauern, bis das ineinander übergeht.

Malgorzata (Szubin): Jede Kultur ist wichtig, aber wenn wir die anderen Kulturen nicht akzeptieren und uns ihnen nicht öffnen, dann werden wir nicht gut zusammen leben.

Laura (Mallorca): Das ist ein Lernprozess. Von Generation zu Generation werden wir mehr einen Sprung merken, so wie ich ihn jetzt bei meinen Eltern merke, was dieses Thema betrifft. Etwas so Kompliziertes und Komplexes wie das Vermischen von Kulturen benötigt viel Toleranz und viel Geduld. Zu meinen, dass so eine große Veränderung von einem Tag auf den anderen geschehen kann, ist verrückt.

Friederike (Hermannsburg): Gerade in dieser Woche habe ich gemerkt, dass der größte Unterschied in der Sprache liegt. Es ist einfach ein Problem, sich zu verständigen, und es hat erst einmal ein paar Tage gedauert, herauszukriegen, wie die anderen denken und fühlen. Was sich immer mehr angleicht, sind die Gesetze. Die europäische Verfassung wurde jetzt zwar abgelehnt, aber ich denke, in Zukunft wird sie irgendwann kommen. Und dann haben wir wieder etwas Gemeinsames.

Malgorzata (Szubin): Unterschiede gibt es auch bei den Bräuchen und Festen.

Karol (Srem): Und wir haben eine andere Mentalität.

Tomas (Roznov pod Radhostem): Ich finde, dass die Leute aus dem Süden freundlicher sind als zum Beispiel die Menschen aus meinem Land. Wegen ihrer Vergangenheit sind die Menschen aus meinem Land verschlossen und trauen Ausländern nicht.

Aneta (Roznov pod Radhostem): Ich finde auch, dass die Leute aus Spanien sehr freundlich und kommunikativ sind. Und ich bin froh, dass ich an diesem Programm teilnehme. Denn ich habe noch nie zuvor mit einem Spanier gesprochen. Aber wir sind nur für eine Woche hier. Wir müssten länger in Spanien sein, um sie richtig kennen zu lernen.

Laura (Mallorca):: Es gibt viele Unterschiede zwischen den Kulturen. Und es ist sehr bequem, zu sagen, dass dies eine Hürde ist. Aber wir haben hier bewiesen, dass nicht einmal die Sprache eine Barriere ist. Hürden gibt es nur, wenn man sie haben will. Man schließt die Tür ab, wenn man das Haus verriegeln will, sonst lässt man sie offen.

Das ,gemeinsame Haus Europa' ist auf Trümmern und Leichenbergen gebaut. Spielt es für junge Polen oder Tschechen heute noch eine Rolle, dass die Deutschen einst ihre Länder überfallen haben?

Aneta (Roznov pod Radhostem): Heute ist die Situation ganz anders. Der zweite Weltkrieg war eine Folge des ersten Weltkrieges. Die Deutschen lebten in Armut und Hunger. Das war der fruchtbare Boden für den Nationalsozialismus. Ich bin der Meinung, dass die Leute keine große Wahl hatten. Es wurde ihnen ein besseres Leben versprochen. Heute geht es den Leuten gut.

Tomas (Roznov pod Radhostem): Hitler war eine sehr starke Persönlichkeit. Er hat in den Köpfen der Menschen einen Sturm entfacht und sie manipuliert. Heute ist die Situation viel besser, und die Leute können ihre Kinder zum Frieden erziehen.

Karol (Srem): Alle Länder sollen alles dafür tun, dass sich die schlechte Geschichte nicht wiederholt.

Friederike (Hermannsburg): Ich war mit 13 mit einer Freundin in England. Als wir aus dem Bus stiegen, fragten uns die Engländer erst einmal, aus welchem Land wir kommen. Und wir durften nicht sagen, dass wir aus Deutschland kommen, weil wir so eine schlechte Vergangenheit haben. Sie standen schon mit ihren Knüppeln da.

Malgorzata (Szubin): Wir sollten nicht vergessen, was passiert ist. Aber das ist gewesen, und wir sollten nicht den nachkommenden Generationen die Schuld dafür geben. Die Generation, die im Krieg Schaden erlitten hat, denkt zwar ganz anders, aber die junge Generation in Polen hat nichts gegen Deutsche. Wir sollten in die Zukunft schauen, nicht in die Vergangenheit.

Aneta (Roznov pod Radhostem): In der Tschechischen Republik sind viele Leute skeptisch gegenüber den Deutschen und sagen, dass sie Faschisten sind. Das ist nicht gut. Die Deutschen heute sind ganz anders und können nichts für die Zeit damals. Deshalb ist es wichtig, dass sich die Leute treffen und kennen und verstehen lernen. Es reicht nicht, wenn sich nur die Präsidenten die Hände schütteln. Für ein vereintes Europa müssen wir uns alle bemühen.

Während des Gesprächs donnern die Kanonen. Bei jedem Schuss vibriert das Parkett auf dem ehemaligen Heuboden des Reiterhofs. Um 0.15 Uhr setzt heftiges Maschinengewehrfeuer ein. Seit 60 Jahren ist der Truppenübungsplatz in Betrieb, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region: Von den 12.000 Einwohnern Bergens sind 4.000 Angehörige des britischen Militärs. Um 0.30 schweigen die Waffen. Jetzt sind nur noch die feiernden jungen Menschen zu hören.