Herbert W,H. Hundrich

Der Bildhauer - ein Interview

Was steuert dieser Workshop zu Europa bei?
Die konzeptionelle Grundlage zu diesem Projekt basiert auf der Notwendigkeit, das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen zu erkennen. Das Fremde wird nicht zerstört oder missachtet, sondern gilt gleichermaßen als Baustein, um auch das Eigene zur Entfaltung zu bringen.

Der Beginn dieses Projekts fiel mit dem - vorläufigen-Aus für die europäische Verfassung zusammen. Ist das Thema ,Europa kennen lernen und gestalten' dadurch bedeutungslos geworden?
Nein. Wirtschaftlich mag es zwar in Europa hervorragende Entwicklungen geben. Aber die Suche nach der kulturellen Identität, nach dem kulturellen Ausdruck erschwert immer wieder das Zusammenwachsen der Völker. Schlimmstenfalls verhindert sie es sogar. Man argumentiert dann gerne mit nationalen und regionalen Notwendigkeiten, die erschreckenderweise immer wieder auf fruchtbaren Boden fallen. Das wirft natürlich heikle Fragen auf. Zum Beispiel, wie eine europäische, menschliche Kultur aussehen kann. Und auch, ob Europa seine innenpolitischen Gegenspieler subventioniert.

Müssen Nationalismus und Regionalismus zwangsläufig Gegenpole eines vereinten Europas sein?
Es ist eine Tatsache, dass Europa aus vielen Nationen und Regionen besteht. Und die Stär-ke jeder Region macht ein starkes Europa aus. Kritisch wird es in dem Moment, wenn die eigene Identität und folglich die eigenen Interessen über die der anderen erhoben werden. Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene kulturelle Identität, und jeder Mensch sollte die Identität des anderen respektieren und schätzen - als Hausherr wie als Gast.

Was bedeutet vor diesem Hintergrund das Projekt ,Europa kennen lernen und gestalten'?
Die heutige Zeit verlangt von uns weitgehend selbständiges Denken und Handeln, zugleich aber auch die Fähigkeit zum Konsens. Globales Denken und regionales Handeln müssen im Einklang stehen. Und genau darum geht es auch bei diesem Projekt: Jeder Einzelne bearbeitet ,sein' Holz als Beitrag zur Gesamtskulptur. Jeder Schritt in diesem Prozess verlangt neue, kreative Entscheidungen und Formen der Zusammenarbeit. Der Einzelne ist dem eigenen Holz gegenüber verantwortlich, aber auch dem Nachbarn am Nebentisch. Nur durch den fliegenden Wechsel zwischen eigener und gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen Handanlegen können die Kunstwerke realisiert werden. Aktion und Interaktion werden dabei durch das gemeinsame Ziel definiert, die konkreten Handlungen durch die Handgriffe, die zu erledigen sind.

Die gemeinsame Arbeit an der Skulptur als europäische Integration im Kleinen?
Das Wort ,Integration' hat für mich mit Anpassung zu tun. Das widerspricht meinem Naturell als Künstler und darf in meinem Beruf vielleicht auch gar nicht anders sein. Ich sehe natürlich die Notwendigkeit von Integration, wobei es treffender ist, von Kommunikation zu sprechen. Dieser Begriff beinhaltet, dass sich die Menschen aus den verschiedenen Kulturen begegnen können - und auch müssen.

Was können die Skulpturen in Bergen und die Drucke auf Reisen bei all denjenigen bewegen, die nicht an den Anne-Frank- Friedenstagen 2005 teilgenommen haben?
Kunst ist immer ein guter Anreiz, sich mit anderen Betrachtungsweisen auseinander-zusetzen, ohne gleich in ein Streitgespräch zu verfallen. Wenn wir das gesprochene Wort benutzen, tendieren wir zu Rede, Gegenrede und Ergänzung. Bei der Sprache des Bildes oder der Skulptur muss ich erst einmal still sein und zuhören, was der andere mir sagt. Davon abgesehen, möchte ich bei diesem Projekt nicht von Kunst sprechen, sondern von einer Reise.

Wohin geht diese Reise?
Ich hatte einmal die Gelegenheit, die Kernforschungsanlage CERN bei Genf zu besuchen. Als ich einen Wissenschaftler fragte, wonach er suche, antwortete er: "Ich weiß es nicht." Als ich wissen wollte, wie das, was er suche, aussehe, sagte er: "Ich weiß es nicht." Als ich fragte, wie er denn dann erkennen könne, was er suche, erklärte er: "Wenn wir großes Glück haben, können wir das sehen." Bei Europa wissen wir zwar, wonach wir suchen, aber nur wenn wir aufmerksam und wachsam sind, können wir erkennen, was wir bei dieser Suche finden. Deshalb möchte ich von einer Reise reden. Das beinhaltet, dass wir uns in einer ständigen Entwicklung befinden und uns davor hüten sollten, jeden kleinen Erfolg zum Nonplusultra zu erklären.